Wie die Erfahrung der Patienten Krankenhäusern einen Mehrwert verleiht

Mai 2026

Zeit für eine umfassendere Perspektive im Entwurfsprozess

Jedes Krankenhaus möchte eine gute medizinische Versorgung bieten – und jeder Mensch möchte eine solche Versorgung erhalten. Sie umfasst weit mehr als medizinische Behandlungen und Technologie, wie wir alle wissen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und der physischen Umgebung, das die Qualität der Versorgung letztlich bestimmt.

Doch wie erlebt der Patient diese Versorgung? Wie kann er wissen, ob die Behandlung tatsächlich gut ist? Das wird stark von der eigenen Wahrnehmung beeinflusst, also davon, was man sieht, hört, riecht, fühlt und sogar schmeckt. Kurz gesagt: durch unsere Sinneswahrnehmungen und die damit verbundenen Emotionen.

Studien zeigen deutlich, dass die Umgebung, in der die medizinische Versorgung erfolgt, einen großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patienten hat. Kranke Menschen erleben die Krankenhausumgebung anders als gesunde. Angst und Unsicherheit sorgen beispielsweise dafür, dass Reize intensiver wahrgenommen werden. Eine Umgebung, die Angst und Stress reduziert, fördert die Genesung. Eine als wohltuend wahrgenommene Umgebung hat noch einen weiteren Vorteil. Sie sorgt dafür, dass Patienten das Krankenhaus besser beurteilen und es eher weiterempfehlen.

Als Architekten gestalten wir Tag für Tag den Weg der Patienten von Diagnose, Behandlung, Genesung oder Verarbeitung und Akzeptanz räumlich. Dennoch fragen wir uns, ob wir wirklich ausreichende Erkenntnisse darüber haben, wie Patienten ein Krankenhaus tatsächlich erleben. Damit stellt sich eine interessante, grundlegende Frage:

Können wir bessere Krankenhäuser entwerfen, wenn wir die Perspektive der Patienten stärker miteinbeziehen?

In diesem Beitrag möchten wir unsere Überlegungen dazu gern mit Ihnen teilen. Ziel ist es, den Patienten tatsächlich in den Mittelpunkt zu rücken, ihm das Gefühl zu vermitteln, wirklich gehört zu werden, und dies im endgültigen Krankenhausentwurf nachhaltig zu verankern.

Prozess- und patientengerichtet entwerfen

Während Krankenhäuser früher vor allem prozessorientiert gestaltet wurden, konzentrieren wir uns als Architekten im Gesundheitswesen schon seit geraumer Zeit darauf, integrale Umgebungen zu entwerfen, die das Erleben aller Nutzer positiv beeinflussen. Der große Mehrwert einer heilenden Umgebung ist erwiesen – für Patienten, aber auch für Personal und Besucher. Selbstverständlich sind Logistik, effiziente Arbeitsprozesse und eine optimale Wegeführung nach wie vor essenziell. Doch bleibt die Frage: Wird die Perspektive der Patienten ausreichend berücksichtigt oder gibt es noch Verbesserungspotenzial?

„Der Patient im Mittelpunkt“
Noch stärker auf patientenorientiertes Entwerfen zu setzen, scheint heute eine Selbstverständlichkeit zu sein. Alle Krankenhäuser betonen, der Patient stehe im Mittelpunkt. Aber passiert das bei kritischer Betrachtung auch wirklich in ausreichendem Maße? Es zeigt sich: In der Praxis stehen Patienten noch nicht so sehr im Mittelpunkt, wie wir es uns wünschen würden.

Wenn man die Patienten stärker in den Mittelpunkt stellen möchte, gibt es grob gesagt zwei Wege:

  1. Der Patient steht im Zentrum des Entwurfs und alle Prozesse werden um ihn herum organisiert. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist die sogenannte Mamma-Poliklinik. Funktionen, die normalerweise über das gesamte Krankenhaus verteilt sind (Bildgebung, Untersuchungs- und Sprechzimmer) werden hier gebündelt. Das reduziert den Stress für die Patientinnen, sorgt für eine größere Zufriedenheit (Diagnostik an einem Tag, multidisziplinär) und kommt den Krankenhäusern zugute. Es handelt sich um einen effizient organisierten Prozess, der den Behandlungsweg vereinfacht und zu einem innovativeren Grundriss führt, wie beispielsweise im Amphia-Krankenhaus in Breda. Diese „One-Stop-Shop”-Strategie wird immer häufiger angewendet, beispielsweise auch in der Kardiologie verschiedener Krankenhäuser wie dem Spaarne Gasthuis oder dem Tergooi MC.
  2. Die Bewertung der Patienten ist der Ausgangspunkt für Entwurfsentscheidungen.  Ein Beispiel dafür sind die Kinderbeiräte, die in verschiedenen Krankenhäusern bei Aspekten, die für Kinder wichtig sind, miteinbezogen werden. Ein anderes Beispiel sind wertorientierte Versorgungskonzepte, die darauf abzielen, die medizinische Versorgung auf die Bedürfnisse der Patienten abzustimmen. In der Praxis wird jedoch der Input der Patienten oft nur minimal bei der Entwicklung des Raumkonzepts berücksichtigt und hat somit nur begrenzten Einfluss auf richtungsweisende Entwurfsentscheidungen.

Alles im Zusammenhang betrachten
Ein Krankenhaus ist eine hochkomplexe Umgebung. Als Architekturbüro, das im Gesundheitswesen tätig ist, wissen wir, dass alles in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden muss. Es gibt eine große Vielfalt an Patienten und jeder Patient hat seinen eigenen Behandlungsweg. Neue Versorgungskonzepte wie die Mamma-Poliklinik, bei der sich der Behandlungsprozess grundlegend verändert hat, wirken sich auch auf die Arbeitsweise der Pflegekräfte aus. Manchmal gibt es widersprüchliche Interessen. Dennoch sind wir überzeugt: Die Bedürfnisse von Patienten und Personal können in effizienten, zukunftsfähigen Behandlungsprozessen und -konzepten miteinander vereint werden.

Werturteile der Patienten im Entwurfsprozess berücksichtigen

Als Architekten richten wir uns selbstverständlich nach den gewünschten Behandlungsprozessen und können diese nicht einfach verändern. Oft werden wir erst in den Entwurfsprozess eingebunden, wenn das Raumprogramm bereits feststeht. Zu diesem Zeitpunkt ist es mitunter schwierig, die Patienten noch in ausreichendem Maß in den Mittelpunkt zu stellen. In regulären Entwurfsbesprechungen gibt es zudem nicht immer Raum für eine direkte Beteiligung der Patienten. Selbstverständlich benennen wir als Architekten die Aspekte, von denen wir aus Erfahrung und aus der Forschung wissen, dass sie für die Patientenerfahrung wichtig sind. Doch wir haben den Eindruck, dass das nicht immer ausreicht. Deshalb haben wir eine alternative Herangehensweise entwickelt, in der die Stimme der Patienten deutlich hörbar wird. Wir sammeln die Werturteile und Meinungen der Patienten und integrieren dieses Wissen gezielt in den Entwurfsprozess.

Wichtige Grundlagen
Unsere Entwurfshaltung basiert auf bewährten Grundlagen und relevanten Quellen. Wir nutzen Forschungsergebnisse des Evidence-Based Design und Erkenntnisse aus der Umgebungspsychologie. Darüber hinaus orientieren wir uns an einer weiteren Branche, in der wir tätig sind: der Hospitality-Branche.

Was wir von der Hospitality-Branche lernen können
In der Hospitality-Branche können (Online-)Bewertungen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Im Hotelgewerbe ist „Hospitality“ ein zentraler Begriff – und wir beobachten, dass er zunehmend auch in Krankenhäusern als wichtiger Leitgedanke verankert wird. Es geht um Gastfreundschaft und positive, respektvolle Begegnungen.

Hospitality bedeutet, allen, die einen Raum betreten, ein warmes, willkommenes Gefühl zu vermitteln. Das geht über reine Serviceleistungen hinaus. Es geht darum, bewusst auf die Bedürfnisse und Wünsche der Gäste einzugehen. Durch Aufmerksamkeit, persönliche Ansprache und aufrichtige Fürsorge werden funktionale oder praktische Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen.

Systematisch analysieren, dann (neu) gestalten
Hotelketten entwickeln ihr Wissen, indem sie das Feedback ihrer Gäste systematisch auswerten. Anschließend erhalten Designer die Aufgabe, diese Erkenntnisse in räumliche Maßnahmen zu übersetzen – von der Position des Bettes zum Fenster bis hin zur Akustik in Korridoren und Lobbybereichen. Diese Anpassungen erfolgen nicht willkürlich, sondern basieren auf den Erfahrungen der Nutzer. Das Hotelwesen zeigt, wie wirkungsvoll es ist, Erfahrungen in den Mittelpunkt von Entwurfs- und Serviceentscheidungen zu stellen. Dieses Denken und Optimieren auf Grundlage von Erfahrungen ermöglicht wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung von Krankenhäusern.

Der Wiegerinck-Ansatz: Erfahrungen als Erfahrungsroute sichtbar machen

Bei unserem Ansatz gehen wir von einer bestimmten Patientengruppe oder einem spezifischen Behandlungsweg aus. Dazu sammeln wir Input von einer Gruppe von Patienten, beispielsweise von poliklinischen Patienten, die sich einer Funktionsuntersuchung unterziehen müssen, von Patienten, die zu einer Endoskopie kommen, oder von geriatrischen Patienten im Allgemeinen. Auf einfache und niedrigschwellige Weise füllen sie einen Fragebogen aus, in dem sie Informationen zu ihrem Weg durch das Krankenhaus, ihrer Aufenthaltsdauer und ihren Eindrücken angeben. Aus diesen Angaben ergibt sich die sogenannte Erfahrungsroute. So gewinnen wir Informationen über Gemeinsamkeiten und Besonderheiten innerhalb einer Gruppe. Diese fließen in den Entwurfsprozess ein und können bei wichtigen Entscheidungen gezielt berücksichtigt werden.

Start mit einer repräsentativen Gruppe
Für unsere Studie haben wir anhand von Interviews mit Diabetespatienten eine Erfahrungsroute erstellt. Diabetespatienten bilden eine große und repräsentative Gruppe chronisch Erkrankter, die regelmäßig das Krankenhaus aufsuchen müssen. Mithilfe unseres Modells haben wir ihren „Behandlungsweg“ durch das Krankenhaus erfasst und uns tiefer mit Emotionen, Erfahrungen und der Wahrnehmung räumlicher Aspekte beschäftigt. Das Ergebnis ist eine Erfahrungsroute, die Aufschluss über die Reihenfolge der besuchten Räume, die Aufenthaltsdauer an bestimmten Orten, das emotionale Erleben der Patienten sowie ihre Wahrnehmung der räumlichen Umgebung gibt.

Dabei ist es entscheidend, dass die Patienten oder ihre Angehörigen die Informationen selbst liefern und die Fragen nicht durch das medizinische Personal beantwortet werden. Nur so vermeiden wir Interpretationen, die durch unterschiedliche Interessen beeinflusst sein könnten.

Entwicklung des Modells
Um die Interviews gezielt auswerten zu können, haben wir ein Modell der Erfahrungsroute entwickelt. Mithilfe des Fragenbogens können wir es bei jedem Interview ausfüllen. Auf diese Weise wächst unsere Wissensbasis kontinuierlich. Das Modell können wir projektspezifisch einsetzen: in Workshops mit Patienten ebenso wie während des gesamten Entwurfsprozesses – vom Raumprogramm bis hin zu den Nutzergesprächen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen es uns, eine noch passgenauere Umgebung zu gestalten. Kurz gesagt: Auf diese Weise können wir das Krankenhaus bei spezifischen Aufgaben optimal unterstützen.

Außerdem wäre es äußerst wertvoll, den Patientenbeirat bereits bei der Erstellung des Raumprogramms aktiv miteinzubeziehen. Dieser Beirat könnte von Beginn an als Resonanzgruppe für patientenbezogene Themen dienen. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, in frühen Entwurfsphasen öfter eine Patientenvertretung zu bestimmten Fragestellungen zu konsultieren – beispielsweise in Workshops zu spezifischen Themen.

Diese Beteiligung kann wertvolle Erkenntnisse liefern, bislang unterbelichtete Themen sichtbar machen und zu einer höheren Zufriedenheit mit dem Endergebnis beitragen. Darüber hinaus kann sie das Verständnis für die unterschiedlichen Interessen und das Abwägen zwischen ihnen im Planungsprozess fördern.

 

Wissen, das wir gerne teilen möchten

Wollen wir Angst und Stress bei Patienten signifikant reduzieren? Wollen wir ihre Gefühle und Erfahrungen im Krankenhaus besser berücksichtigen? Dann müssen wir noch mehr Wissen über ihre Erfahrungen gewinnen – und es konsequent in den Entwurfsprozess integrieren. Um die Perspektive der Patienten voll und ganz zu verstehen, möchten wir uns mit ihnen über ihre Erfahrungen und Gefühle im Krankenhaus austauschen. Ein Ansatz ist unsere Entwurfsmethode, bei der wir ihre Erfahrungsroute beleuchten. Im nächsten Schritt müssen diese Informationen übersetzt werden, um sie im Entwurfsprozess berücksichtigen zu können. Wir haben bereits damit begonnen, diese Informationen von Patienten einzuholen. Dadurch wächst unser Erfahrungsschatz stetig. Ein Wissensschatz, den wir gerne mit Ihnen teilen, erweitern und anwenden möchten.

Ein kraftvolles Instrument im gesamten Entwurfsprozess
Erfahrungsrouten können den gesamten Entwurfsprozess unterstützen – von der ersten Vision bis zur abschließenden Evaluation. So kann die Stimme der Patienten nicht nur gehört, sondern tatsächlich in räumliche Entscheidungen umgesetzt werden. Auf diese Weise entstehen patientenorientierte, zukunftsfähige Umgebungen – ein großer Mehrwert für Auftraggeber und Entwurfsteams.

Gemeinsam die beste Versorgung gestalten

In jedem Krankenhaus steht das Wohlbefinden der Menschen im Mittelpunkt der medizinischen Versorgung. Durch die Gestaltung einer angenehmen und durchdachten Umgebung können wir die Erfahrung der Patienten spürbar verbessern. Evidence-Based Design zeigt, dass eine solche Umgebung Angst und Stress reduziert und damit den Genesungsprozess unterstützt.

Die Erfahrungsroute macht die Essenz der Versorgung aus der Perspektive der Patienten sichtbar. Gemeinsam mit Ihnen möchten wir die Stimme der Patienten bei der Gestaltung von Gesundheitsumgebungen in den Mittelpunkt stellen. Wir hoffen, dass unsere Studie Sie inspiriert, gemeinsam mit uns weiterzudenken und den Dialog fortzusetzen.

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